Geschichte

Geschichte & Technik

Die Geschichte unseres Museumsstellwerks ist eng mit der des Bahnhofs Reinheim, der Odenwaldbahn und der technischen Entwicklung bei der Eisenbahn allgemein verbunden. Neben den hier veröffentlichten Texten, gibt es noch viele weitere Anekdoten und Geschichten zu erzählen. Diese erzählen wir Ihnen gerne bei einer unseren Führungen an unseren Öffnungstagen. Doch jetzt erstmal viel Spaß beim Lesen!

Unser Stellwerk

Unser Stellwerk wurde 1896 im Zuge der Verstaatlichung der Odenwaldbahn von der königlich preußischen und großherzoglich hessischen Staatsbahn, jedoch noch nach Grundsätzen der Hessischen Ludwigsbahn gebaut. 

Es gliedert sich in drei Teile: Das Stellwerksgebäude selbst mit Dienstraum und Spannwerksraum, die Innenanlage bestehend aus Hebelbank, Blockwerk und Spannwerken und die Außenanlage mit Drahtzügen, Weichen und Signalen. 

 

 

 

Stellwerksgebäude

Unser Stellwerk wurde im Stil der Gründerzeit errichtet: Mit seinem aus roten Ziegeln gemauertem Backsteinerdgeschoss, holzverschaltem Obergeschoss mit abgeschrägten Ecken und einem Krüppelwalmdach mit Schopfwalmen bildet es einen typischen Vertreter der Bauform, die von der Hessischen Ludwigsbahn seit den 1880er Jahren bis 1896 errichtet wurde.

Innenlage

Unsere Innenanlage mit Hebelbank, Blockkasten und Spannwerken wurde bei der letzten großen Erweiterung des Bahnhofs 1909 installiert. Sie wurde 1966 an die Bedienung des gesamten Bahnhofs angepasst und ist vollständig erhalten und funktionstüchtig.

Außenanlage

Von der Außenanlage unseres Stellwerks ist leider nur sehr wenig erhalten geblieben. Da unser Bahnhof 2007 massiv zurückgebaut wurde, wurden alle Drahtzugleitungen und mechanischen Weichen ausgebaut und verschrottet. Lediglich das Ausfahrsignal „P1“, welches die Fahrten nach Ober-Ramstadt und Reichelsheim regelte und das Vorsignal „a“ konnten erhalten und vor dem Stellwerk aufgebaut werden.

Reinheim und seine Stellwerke

Bis 1966 gab es neben unserem heute noch vorhandenen Museumsstellwerk noch zwei weitere Stellwerke im Bahnhof Reinheim, die für die Durchführung des Verkehrs im Bahnhof zuständig waren: Ein Fahrdienstleiterstellwerk (Befehlsstellwerk) „Rf“ im Empfangsgebäude und jeweils ein Wärterstellwerk „Rw“ und „Ro“ am westlichen und östlichen Kopf des Bahnhofs.

Alle drei wurden 1896 errichtet und bis 1909 weiter ausgebaut. Ab 1966 war unser Stellwerk „Rw“ allein für die Regelung des gesamten Verkehrs im Bahnhof verantwortlich. Diese Aufgabe hatte unser Stellwerk bis 2007 inne. Die anderen beiden Stellwerke wurden bis 1974 abgerissen bzw. abgebaut.

 

 

 

Weststellwerk Rw

Unser Stellwerk „Rw“, damals noch Wärterstellwerk und ohne Panoramafenster. Seine Aufgabe war die Durchführung des Verkehrs von und nach Ober-Ramstadt und Reichelsheim. Erst 1962 kam auch die Bedienung der Schrankenanlage am Bahnübergang hinzu. 

Aufnahme aus den 1920ern

Befehlsstellwerk Rf

Das Befehlsstellwerk "Rf" war im Empfangsgebäude untergebracht. Von hier aus konnte der Fahrdienstleiter den gesamten Bahnhof überblicken und den Wärterstellwerken „Rw“ und „Ro“ die Befehle geben in welches Gleis welcher Zug ein- oder ausfahren sollte. Es war bis 1962 in Betrieb. Danach wurde seine Aufgabe vom Stellwerk „Rw“ übernommen. 

Aufnahme aus den 1950er

Oststellwerk Ro

Das Wärterstellwerk "Ro" an der Ostseite des Bahnhofs war baugleich mit unserem Stellwerk „Rw“. Es war für die Durchführung des Verkehrs von und nach Lengfeld und Groß-Zimmern zuständig. Ab 1962 oblag ihm nur noch der Verkehr nach Groß-Zimmern. Mit der Stilllegung der Strecke 1966 wurde es außer Dienst gestellt und bis 1974 abgerissen.

Aufnahme von 1962

Der Bahnhof Reinheim im Laufe der Zeit

Der Bahnhof Reinheim hat in über 150 Jahren sein Gesicht mehrfach verändert. Gehörte er 1871 noch eher zu den kleineren Bahnhöfen der Hessischen Ludwigsbahn, steigerte er seine Bedeutung und Größe bis 1966 zu einem zentralen Umschlagbahnhof auf der Odenwaldbahn, mit Anschluss an drei Bahnstrecken. Ab 1978 jedoch wurde er immer weiter zurückgebaut, sodass seine heutige Ausdehnung sogar noch die Anfänge von 1871 untertrifft. Seine Bedeutung für den Personenverkehr indes hat er bis heute nicht verloren und ist ein wichtiger Kreuzungspunkt für Pendler nach Frankfurt und Darmstadt.

 

 

 

1871 - 1896

Mit Fahnen, Pfeilen und Zeigern - Der Bahnhof Reinheim zur Zeit der Hessischen Ludwigsbahn

Am 15. Mai 1871 erreichte die Eisenbahn in Form der Odenwaldbahn erstmals Reinheim. Der Bahnhof lag damals noch am Rand der Stadt, gehörte aber bereits zu den größeren Bahnhöfen auf der Odenwaldbahn. 

Der Bahnhof bestand zu jener Zeit aus einem Hauptgleis (Gleis 1), einem Ausweichgleis (Gleis 2), sowie zwei Gütergleisen mit Ladestraße und Laderampe (Gleis 3), einem einstöckigen Bahnhofsgebäude sowie einer Güterhalle. Bei dem einstöckigen Bahnhofsgebäude handelte es sich um eins der sogenannten „provisorischen Stationsgebäude“ der Hessischen Ludwigsbahn, die auf Grund der beginnenden Wirtschaftskrise nicht über die finanziellen Mittel verfügte, um ein repräsentatives Empfangsgebäude zu errichten. So war das Reinheimer Stationsgebäude ein einfacher Fachwerkbau, ausgemauert mit gelben Ziegeln und teilweise mit Holz verkleidet. Mit seinen 144 Quadratmetern gehörte es bereits zu den großen Vertretern dieser Bauart und besaß zwei Wartesäle für die 1./2. und für die 3. Klasse, ein Dienstzimmer für die Bahnhofsangestellten und einen kleinen Güterraum für das Lagern von kleinerem Stückgut oder eiligen Gütern, die mit den Personenzügen im Gepäckwagen transportiert wurden. Für größere oder schwerere Güter, die in eigenen Güterzügen transportiert wurden, wurde der Güterschuppen als Lager benutzt. Das provisorische Stationsgebäude war bis 1896 als Empfangsgebäude in Betrieb und wurde danach für die Bahnmeisterei genutzt. Ende der 1970er Jahre wurde es abgerissen.

1897 - 1949

Königlich preußisch und Großherzoglich Hessisch - Reichsjahre bis 1949

1895, noch ein Jahr vor der abgeschlossenen Verstaatlichung der HLB, wurde bereits damit begonnen den Investitionsstau der letzten Jahre auszugleichen: Die bereits lange geplante Rodgaubahn von Offenbach über Groß-Zimmern nach Reinheim wurde gebaut. Da jetzt vier Strecken im Bahnhof Reinheim mündeten, wurden zwei Stellwerke „I“ und „II“ an der Stelle der vorhandenen Wärterbuden errichtet. Mit diesen zwei neuen Stellwerken konnten die Weichen und Signale jetzt zentral von zwei Punkten aus ferngestellt werden. Es war für den Weichenwärter nicht länger nötig zu jeder Weiche zu laufen, um sie vor Ort umzustellen. Das beschleunigte den Betrieb und ermöglichte eine Erhöhung der Zugdichte. 

1909 fanden vorerst zum letzten Mal größere Umbauarbeiten statt: Neben den zusätzlichen Abstellgleisen 5 und 6, wurde Gleis 4 zu einem Hauptgleis für Güterzüge ausgebaut und im Bereich des Lokschuppens wurden die zwei zusätzliche Abstellgleise 7 und 9 gebaut. Bereits 1907 war zwischen Reinheim und Zeilhard der Oberbau für schwerere Züge ausgelegt worden. Durch die massive Erweiterung der Gleisanlagen wurden auch die beiden Stellwerke I und II, sowie das Befehlsstellwerk im Empfangsgebäude ein letztes Mal umfassend umgebaut. Dabei entstand die in ihren Grundzügen bis heute noch vorhandene Stellwerksanlage mit 36 Hebelplätzen und 13 feldrigem Blockkasten für den elektrischen Bahnhofsblock und den neuen Streckenblock

Anfang der 1930er Jahre hatte der Bahnhof Reinheim seine größte Ausdehnung erreicht und beschäftigte noch bis in die 1950er Jahre bis zu 25 Mitarbeiter. Das Hauptverkehrsaufkommen waren vor allem Pendler nach Offenbach und Frankfurt im Personenverkehr, sowie größere Mengen Schotter aus Bieberau, landwirtschaftliche Güter im Allgemeinen und im Herbst Zuckerrübentransporte im Besonderen. Auch der Stückgutverkehr spielte noch eine große Rolle. 1970 wurde deshalb der alte Güterschuppen abgerissen und durch einen Neubau ersetzt.

Die Ausstattung Anfang der 1930er sollte für fast 35 Jahre die letzte größere Veränderung im Bahnhof Reinheim sein.

1949 - 2007

Köpfe schlachten - Letzte Glanzzeit und Niedergang bis 2007

Durch das beginnende Wirtschaftswunder und dem steigenden Wohlstand der allgemeinen Bevölkerung stieg ab den 1950er Jahren der Individualverkehr, gleichzeitig nahm der Pendlerverkehr stetig ab und es stiegen die Personalkosten. Am 26.Mai 1963 wurde schließlich der Personenverkehr auf der Gersprenztalbahn aufgegeben und durch Busse ersetzt. Ein Jahr später wurde die Strecke von Reichelsheim bis Groß-Bieberau zurückgebaut. Noch ein Jahr später, am 28. Mai 1965, wurde auf der Rodgaubahn der gesamte Betrieb zwischen Reinheim und Groß Zimmern eingestellt. Im Bahnhof Reinheim wurden daraufhin bis 1967 alle nicht mehr benötigten Gleise abgebaut. Das im Ostkopf des Bahnhofs gelegene Stellwerk "Ro" wurde außer Betrieb genommen - der "Kopf geschlachtet". Die 1970er Jahre auf der Odenwaldbahn waren vor allem von Modernisierungsmaßnahmen in die Infrastruktur geprägt, denn trotz aller Rückbaumaßnahmen wurden weiterhin große Mengen Schotter von Groß-Bieberau und im Herbst größere Mengen Zuckerrüben transportiert. Darüber hinaus sorgte der Baustoffhandel, welcher ab 1971 über ein eigenes Anschlussgleis verfügte, ebenfalls für große Gütermengen.

Bis zur Privatisierung der Deutschen Bundesbahn zur Deutschen Bahn AG im Jahre 1994 schrumpfte der Bahnhof Reinheim immer weiter zusammen: Bereits 1983 war er als eigenständige Dienststelle geschlossen worden und gehörte von da an zu Darmstadt. Am 31.12.2001 wurde der gesamte Güterverkehr auf der Odenwaldbahn endgültig eingestellt. Von 2005 bis 2007 wurde die Odenwaldbahn schließlich umfassend modernisiert: Alte Stationen wurden wieder in Betrieb genommen und die Infrastruktur der neuen Aufgabe angepasst. Auch die alte Technik im Stellwerk in Reinheim musste nun ihre Aufgabe an ein neues elektronisches Stellwerk (ESTW) abgeben. Es ging am 22.10.2007 in Wiebelsbach in Betrieb und steuert seither den Verkehr auf der gesamten Odenwaldbahn. Am 13.10.2007 gingen im Stellwerk „Rf“ in Reinheim nach 111 Jahren die Lichter für immer aus.

Entwicklung des Bahnhofs Reinheim von 1871 bis 2007

Der Bahnhof Reinheim zur Zeit der Hessischen Ludwigsbahn

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